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Kalkutta ist die indische Megametropole der Gegensätze

Kalkutta ist die indische Megametropole der Gegensätze (Foto: wikimedi.org, ShaliniCat)

Reisen-Indien

Kalkutta/Andamanen - Chaos und Faszination

Bei Reisen nach Indien ist Kolkata, das frühere Kalkutta, nur auf den ersten Blick eine der schrecklichsten Städte der Welt. Schon ein paar Stunden Aufenthalt bei der Reise nach Indien genügen und der Besucher ist von der Megacity fasziniert. Ein Reisebericht über Kalkutta und die Andamanen in Indien.

Reisen nach Indien führen noch immer in unbekannte Welten. Obwohl: Kalkutta liegt am Ganges, Paris liegt an der Seine«, trällerte 1960 der stets lächelnde Vico Torriani. »Am schönen Rhein liegt Basel, und Kairo liegt am Nil. Doch ich träum’ von Madeleine ...« Die Liebesschnulze mit dem Touch von Erdkundeunterricht war ein Hit, hatte nur einen Fehler: Kalkutta lag und liegt nicht am Ganges, wie man bei Reisen nach Indien rasch entdecken wird. Die 15-Millionen-Metropole – heutzutage politisch korrekt Kolkata – zieht sich entlang des Hugli. Der führt wohl Quellwasser des Ganges mit sich, der auf 3.048 Meter am Gangotri-Gletscher entspringt, doch in Westbengalen, in Dhulian, verzweigt sich der Strom und der kleinere Flusslauf fließt südlich nach Kalkutta.

Vico Torriani hat nie eine Reise nach Kalkutta gemacht. Sonst hätte er für seinen Schlager eine andere Stadt gewählt. Mit Kalkutta, der ehemaligen Kolonialhauptstadt der Briten auf dem Subkontinent, ging es nach dem Hauptstadt-Umzug nach Neu- Delhi 1912 Zug um Zug bergab. Zugleich wuchs die Stadt, wucherte von eher bescheidenen zwei Millionen Einwohnern auf fünf, zehn, 15 Millionen. Erst kamen die politischen Flüchtlinge, die nach der Unabhängigkeit von 1947 und der folgenden Staatsteilung nicht zu Pakistan gehören wollten, dann folgte die Landflucht: Jeden Tag kamen neue, bettelarme und hungernde Menschen nach Kalkutta. Die Stadt war ein Horror, ein Synonym für die Hölle.

20 Jahre nach »Kalkutta liegt am Ganges ...« fuhr die Eisenbahn ein in den riesigen Bahnhof, der etwa die Ausmaße von Frankfurt/Main Hbf. mal drei oder vier hat. Es war meine erste Reise nach Kalkutta, es war dunkel, der Bahnhof war kaum beleuchtet. Es stank. Das Hemd klebte am Leib. Ich kam aus dem damals durch die grüne Revolution schon nicht mehr am Hungertuch nagenden Süden Indiens, hatte genug von den Stränden Keralas – und meiner Freundin. Jetzt war die Mitte dran: von Kalkutta über Benares bis Bombay. Das war das Ziel. Zeit hatte ich ja nach dem Abi und vor dem Studium. Und Geld? Zu dieser Zeit konnte man in Indien prima mit zehn Mark am Tag leben.

Benares und Bombay habe ich nie besucht. Schuld daran war Kalkutta. Ich sah, dass verhungerte Menschen wie Müllsäcke auf Lkw geworfen wurden und der Beifahrer eine Strichliste führte. Ich glaubte mich bei meiner ersten Reise nach Kalkutta am Ende der Welt, mitten in der Hölle oder in irgendeiner Apokalypse. Ich floh. Heulend. Und sofort. Verließ Kalkutta, ohne die Stadt eigentlich gesehen zu haben. Es dauerte 27 Jahre, bis ich wieder nach Kalkutta kam. Es war ein flugplantechnischer Muss-Aufenthalt und ich bin dankbar, dass der Flugplan die Reise nach Kalkutta erzwungen hat. Kalkutta hat – abgesehen von einigen afrikanischen Städten – den wohl schlechtesten Ruf. Und wer sagt, er fahre dorthin, erntet kaum mehr als ein misstrauisches Stirnrunzeln, verbunden mit der Frage: Was willst du da denn?

Die Frage ist unfair, das Image ungerecht. Reisen ins Kalkutta des 21. Jh. gehören zu den intensivsten Reisen, die man heutzutage machen kann. Für Asien-Neulinge freilich eine Nummer zu groß, aber Fortgeschrittene, die Singapur stinklangweilig finden und Bangkok oder Shanghai schon zu globalisiert, werden von Kalkutta berührt sein, eingebunden, gefesselt.

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