
Skifahrer der ersten Stunde: Soldaten der 10. Gebirgsdivision beim Training in Ski Cooper. Foto: 10th Mountain Division Resource Center/Denver Public Library/dpa-tmn
Ski Cooper in Colorado Wie eine Eliteeinheit das Skifahren zum Breitensport machte
Ski Cooper ist ein Winzling. 64 Abfahrten gibt es hier, fünf Lifte, eine Jurte als Bergstation, null Schneekanonen und auch sonst keinen Schnickschnack. Da dürfen Ski-Snobs gern die Nase rümpfen. Doch Coopers Einfluss auf den Wintersport ist gigantisch. Ohne das Retro-Skigebiet in den Colorado Rockies, gäbe es womöglich weder Resort-Riesen wie Vail oder Aspen noch Stahlkanten-Skier.
Wenn man die Augen zukneift, fühlt sich die Fahrt im Doppelsessel wie eine Zeitreise an. Drahtseile schnurren. Haltebügel vibrieren. Eine jähe Windböe pustet ins Gesicht, als ob man zurück in die Vergangenheit schwebt, bis es am Anorak zupft. «Schau», sagt Scott Adams von der freiwilligen Skiwacht und zeigt auf eine Insel von Fichten, «die haben sie stehen lassen.»
Das war 1942. In Europa wütete der Weltkrieg. Wo heute die Sesselbahn gen Gipfel schwirrt, wurden damals Trassen präpariert und der bis dahin längste Ankerlift - 2 Kilometer - gebaut. Doch das ruppige Terrain, hier oben am eisigen Tennessee Pass, war nicht zum Skispaß gedacht. Cooper Hill, 3.900 Metern hoch mit sechseinhalb Metern Schnee im Jahr, gehörte zu Camp Hale, dem hochalpinen Trainingslager für die ersten US-Wintertruppen, denn «Minnie» Dole machte sich große Sorgen.
Sechs Gebirgsjäger-Divisionen hatten die Deutschen, warnte der Gründungsvater der «National Ski Patrol» 1938; die Amerikaner keine einzige. Monatelang bearbeitete Charles Minot Dole den Kriegsminister, bis er 1941 die ersten «Winter Warriors» anwerben durfte, aus denen die legendäre «10th Mountain Division» erwuchs.
Auf historischen Monsterlatten
Ganze Skiteams von Elite-Unis an der Ostküste meldeten sich bald freiwillig und brachten Superstar-Trainer wie den Schweizer Abfahrtsweltmeister Walter Prager gleich mit. Die gut betuchte Oberschicht mochte sich das extravagante Vergnügen leisten, als das sie es sahen. Eine tief verwurzelte Skikultur gab es in den USA nicht. Darum stammten die ersten Ausbilder aus Skandinavien, Deutschland und Österreich.
«Wir konnten jede Hilfe gebrauchen», erklärt Scott Adams. Sogar Hollywood rührte die Werbetrommel und inszenierte die durchtrainierten Outdoor-Kämpfer wie Movie Stars. Zeitungen platzierten die Winterkrieger in Kapuzenparkas auf den Titelbildern. Dabei hatte die zweite Riege der Rekruten oft nie auf Brettern gestanden. «Sitzmark» heißt die Abfahrt dort unten, grinst Scottie. Das ist Denglish für den Gesäßabdruck, den Anfänger hinterließen, wenn sie mal wieder rückwärts in den Tiefschnee geplumpst waren.
Insgesamt sind die Hänge noch heute schwer zu nehmen, besonders die Waldstrecken an der steilen Ostflanke, wo die Nadelbäume so dicht stehen, dass keine Schneeraupe durchpasst. Auf historischen Monsterlatten war das Unterfangen sicher noch größer. «Probier’s mal auf 2,13 Meter langen Holzbrettern», sagt Charlie Lucero von den «10th Mountain Division Descendents» mit einem Augenzwinkern. Der Verein von Nachkommen und Freunden hält das Erbe mit Ski-Paraden, Veteranentreffen und Präsentationen lebendig.
Ein 101-jähriger Veteran berichtet
Faltbare Schneebrillen, Hanfleinen, Leder besohlte Schnürstiefel und anderes Originalgerät zieren die Wände des «Colorado Snowsports Museum» drüben in Vail. Es zeigt, wie die Berg-Bataillone die Evolution von Outdoor-Ausrüstung inspirierten. Gummisohlen, Nylonseile und Tragegestell-Rucksäcke, Daunenschlafsäcke in neuer Mumienform und laminierte Skier mit Stahlkanten hat die «10th» nicht unbedingt erfunden, aber in Feldversuchen breit getestet und weiterentwickelt und letztlich populär gemacht.
Bis zu 15.000 Soldaten waren in Camp Hale stationiert. Auch auf Ski Coopers Parkplatz standen einmal Kasernen, der Großteil jedoch die Passstraße bergab im Pando Valley. Nach Kriegsende wurde die Mini-Militärstadt mit Kino, Krankenhaus und Kirche komplett recycelt. Das breite Flusstal ist nun ein «National Monument». Nur Betongerippe ragen noch aus dem Schnee. Kletteranker stecken in den Felswänden.
Howard Koch unterrichtete damals Rock Climbing, Klettern. 1925 in Oakland geboren, ist er einer der wenigen noch lebenden ersten Gebirgsjäger. Seit Kindesbeinen war der nunmehr 101-Jährige in Kaliforniens Sierra Nevada unterwegs - bergsteigen, wandern, auf selbst gezimmerten Skiern. Weil er seine patriotische Pflicht am besten bei der «10th» zu erfüllen glaubte, meldete er sich 1943 freiwillig zu Camp Hale.
Höchstgelegene Stadt in den USA
Kalt war es, minus 40 Grad. Aber jeden Tag war klettern oder Ski fahren angesagt, erzählt Koch am Telefon: «I loved it!» Am Wochenende gab es Ausflüge in den Nachbarort. Umringt von zerklüfteten Gebirgsketten ist Leadville die mit 3.109 Metern höchstgelegene Stadt in den USA.
Wie eingefroren scheint die Zeit in dem historischen Minen-Städtchen, das sich als The Two Mile High City vermarktet. Bunte viktorianische Häuschen und Backsteingebäude mit Wild-West-Fassaden säumen die breite Main Street.
Selbst die alten Bewohner - Revolverhelden, Glückssucher und leichte Mädchen - aus berüchtigten Silberboom-Tagen sollen nicht ganz verschwunden sein: Angeblich spukt es im «Tabor Opera House», wo einst Buffalo Bill und Oscar Wilde auftraten. Im «Silver Dollar Saloon» lieferte sich Doc Holliday 1884 seine letzte Schießerei. An den windschiefen Wänden hängen Cowboyhüte, Jagdtrophäen und verblichene Fotos lachender Kameraden. «Wir hatten fast vergessen, dass wir für den Krieg trainierten», sagt Howard Koch.
Ende 1944 schiffte das Skicorps nach Italien ein. Nach einer waghalsigen Kletterpartie über eisige Felsklippen gelang es den «Mountain Troops» im Februar 1945, die deutsche Verteidigungslinie im Apennin bei einem nächtlichen Überraschungsangriff zu durchbrechen und auf die Po-Ebene vorzustoßen. Zuletzt ausgesandt, erlitt die Spezialeinheit dennoch übermäßige Verluste.
Wieder daheim, wurden die Männer der «Mountain Troops» als Nationalhelden gefeiert. Vielleicht war es eine Art Therapie, Kriegserfahrungen in eine lebenslange Leidenschaft für den Alpinsport umzuwandeln und mit einer breiten Bevölkerung zu teilen. Jedenfalls verkaufte die Armee die Restbestände ihrer Winterausrüstung. Viele Mitglieder der «10th Mountain Division» kehrten in die Berge zurück, wo sie Dutzende von Skigebieten gründeten oder entwickelten.
Skifahren war endlich erschwinglich - bis es zu einem Business wurde. In Vail und Aspen, beide mit Veteranen-Wurzeln, kosten Liftpässe heute umgerechnet bis zu 285 Euro. Dagegen scheint Ski Cooper (ab 40 Euro) wie ein Schnäppchen. Mit der Stadt Leadville als Eigentümer und einem lokalen Trägerverein will das unabhängige Skigebiet das «Herz des Skifahrens im Herzen der Rockies» bleiben. Klein und sicher nicht so fein, aber seine Seele verkauft Ski Cooper nicht.
Links, Tipps, Praktisches:
Reiseziel: 1942 als Trainingsstätte für die Gebirgsjäger der «10th Mountain Division» in der Nähe des Minenstädtchens Leadville gegründet, ist Ski Cooper eines der ältesten und preiswertesten Skigebiete in Colorado (skicooper.com).
Anreise: Etwa Lufthansa und United fliegen von Frankfurt oder München direkt zum nächstgelegenen Großflughafen Denver. Mit dem Mietwagen geht es die letzten 200 Kilometer weiter nach Leadville. Ski Cooper liegt eine Viertelstunde nördlich der Stadt. Von hier fahren am Wochenende gratis Shuttles zur Talstation.
Einreise: Deutsche Urlauber benötigen in den USA kein Visum, müssen unter aber eine elektronische Einreiseerlaubnis einholen (ESTA-Verfahren). Sie kostet 40 US-Dollar (etwa 34,60 Euro) und gilt zwei Jahre.
Klima und Reisezeit: Auf 3.095 Metern sind die Sommer in Leadville frisch (um 18 Grad), die Winter lang und eisig bei durchschnittlichen Höchstwerten unter 2 Grad und über sechs Metern Schnee. Beschneiungsanlagen braucht Ski Cooper darum nicht für eine Saison von Mitte Dezember bis Mitte April.
Unterkunft: Direkt im Skigebiet gibt es keine Unterkünfte, aber in und um Leadville kleinere Motels, Hostels, private Unterkünfte sowie das historische «Delaware Hotel» von 1886, in dem es spuken soll.
Währung: Ein Euro ist 1,17 US-Dollar wert (Stand: 21.01.2026).
Weiterführende Informationen: colorado.com; leadvilletwinlakes.com; 10thmtndivdesc.org













