
Bunt geschmückt und gut gelaunt: Karnevalistin in Sint Maarten. Foto: St. Martin Tourism Bureau/dpa-tmn
Die Session auf karibisch Zweimal Karneval, eine Insel: St. Martin feiert doppelt
Seit Tagen liegt eine freudige Anspannung über Philipsburg. Doch nun endlich sind die Festwagen vorgefahren, die den Verkehr im Hauptort von Sint Maarten zum Erliegen bringen. Auf Parkplätzen, Bürgersteigen und umliegenden Wiesen richten Frauen und Männer letzte Details an ihren Kostümen.
Aus den Lautsprechern wummern in ohrenbetäubender Lautstärke karibische Klänge. Dichte Rauchwolken über den Barbecue-Stationen und gut bestückte Bars sind weitere Anzeichen dafür, dass der Höhepunkt der Karnevalssession bevorsteht.
Unter stoischer Missachtung der tropischen Temperaturen setzt sich die Grand Carnival Parade im Süden der Karibikinsel gegen Mittag in Bewegung. Die Pole-Position besetzen Nachwuchsgruppen, die verzückte Blicke auf sich ziehen. Anschließend paradieren über 1.000 Erwachsene in mehr als 30 Gruppen auf verschlungenen Pfaden durch das 2.000-Seelenstädtchen. Mit Stoff sind ihre Körper eher notdürftig bedeckt. Dafür sind sie kunstvoll geschminkt und in fantasievolle Kostüme gehüllt.
Weltweit kleinste Insel, durch die eine Staatsgrenze verläuft
Dies mag wie ein typisch südamerikanischer Straßenkarneval klingen. In Wahrheit aber handelt es sich um eine eigenwillige Auslegung des Festes, woran die komplexe Geschichte des Eilands ihren Anteil hat: St. Martin ist mit 87 Quadratkilometern die weltweit kleinste Insel, durch die eine Staatsgrenze verläuft.
Das bringt mit sich: Die Katholiken im Norden, im französischen Überseegebiet Saint-Martin, halten sich an den traditionellen Karnevalsrhythmus, in dem der Aschermittwoch stets rund sechs vor Wochen vor Ostern liegt. Die protestantischen Niederländer im Süden - Sint Maarten - feiern den Höhepunkt des Festes erst am 30. April.
Wie die Politologin Stephie Gumbs erklärt, ist das Datum nur scheinbar willkürlich. Vielmehr handele es sich um einen Dank an das niederländische Königshaus, der noch aus den Zeiten übriggeblieben ist, als Sint Maarten eine rotweißblaue Kolonie war: Willem Alexanders Großmutter, Königin Juliana, hatte am 30. April Geburtstag.
Der aktuelle Monarch hat am 27. April das Licht der Welt erblickt, was in seiner Heimat Anlass für ein ausgelassenes Volksfest ist. Dabei ist der «Koningsdag» dem Karneval nicht unähnlich, aber nicht als solcher definiert. Wie die 32-jährige Gumbs erläutert, habe man in Sint Maarten wohl auch aufgrund der terminlichen Nähe am etablierten Datum festgehalten. Trotz eines neuen Monarchen - und obwohl die Bevölkerung 2010 bei einem Referendum für die Unabhängig votierte. Seitdem firmiert der Inselsüden als autonomes Gebiet im Königreich der Niederlande und die Bande zu den einstigen Kolonialherren sind deutlich lockerer.
Doppelter Grund zum Feiern
Wie Gumbs berichtet, sind sich die beiden Inselteile gerne mal uneinig. Die versetzten Karnevalstermine allerdings wertet sie als Vorteil, der es ihr ermöglicht, bei beiden Umzügen mitzugehen. «Auf der französischen Seite», sagt sie aus Erfahrung, «ist alles kleiner und familienfreundlicher.» Bei den Niederländern hingegen steige eine Riesenparty mit fantastischen Kostümen: «Neben dem Zug gibt es ein Carnival Village und Festivals. Es ist mehr als nur ein Straßenkarneval.»
Beide Seiten eint derweil, dass die Einheimischen beim Feiern weitgehend unter sich sind. Besucher aus Übersee verirren sich, wenn überhaupt, eher zufällig hierhin. Zu den Ausnahmen gehört Thiara Dicky aus Boston. Während Wagen und Fußgruppen vorbeiziehen, verrät die 37-Jährige, dass sie 2024 als Gast einer Gruppe im Zug mitgegangen ist. Ein kostspieliges Vergnügen: Allein für das Kostüm hat sie 2.000 Dollar in die Hand genommen.
Wie sich an den Tagen nach dem Umzug herausstellt, ist der zweigeteilte Karneval nicht die einzige Extravaganz der 75.000-Einwohnerinsel. Trotz der Loslösung vom Mutterland haben die Bewohner des Südens Anspruch auf einen niederländischen Pass, was sie nicht davon abhält, ihre offizielle Landessprache Niederländisch konsequent zu negieren. Allenfalls bei Behörden oder auf Straßenschildern finden sich Anklänge.
Politische und weitere Kuriositäten
Geldschäfte wickeln sie hier in US-Dollar ab, während der Norden konsequent und ausschließlich Französisch spricht und mit Euro bezahlt. Um die Verwirrung komplett zu machen, befindet man sich dort im Unterschied zum Süden auf EU-Boden – wobei die komplette Insel nicht zum Schengenraum gehört.
Blieben noch die kleineren Kuriositäten: So meidet der öffentliche Nahverkehr die Überquerung der Grenze, obwohl dort weder grimmige Zöllner noch Schlagbäume im Wege stehen. Und wer einen Föhn dabeihat, sollte an einen Adapter denken, denn der Süden bezieht seinen Strom mit einer Spannung von 110 Volt. Der Norden bevorzugt 220.
Einigen können sich die Inselteile darauf, dass Kater oder andere Ausfallerscheinungen nicht zum Konzept des karibischen Karnevals gehören. Getrunken wird moderat, in der Hitze auch nicht anders zu empfehlen.
Mehr als nur Karneval
So bleibt während des Karnevals mit klarem Kopf genug Zeit für Touren über die Insel, deren größte Attraktion neben dem gleichbleibend angenehmen Klima und dem azurblauen Wasser der Maho Beach ist. Hier donnern Linienjets beim Anflug auf den internationalen Flughafen in geringer Höhe über die Köpfe der Badegäste – ergiebiges Futter für Social-Media-Kanäle und Anekdoten.
Deutlich friedlicher geht es im französischsprachigen Marigot zu. Der Markt erfreut mit kreolischem Streetfood und hoch über dem Städtchen thront mit dem Fort St. Louis eine Festung aus dem 18. Jahrhundert, die der Sicherung des einst bedeutenden Handelshafens diente. Von hier erscheint die Nachbarinsel Anguilla zum Greifen nah, die ihres Zeichens britisches Überseegebiet ist. Ein Muss ist zudem die Mullet Bay, wo sich Besucher in den Restaurants mit den Füßen im Sand an karibischer Fusion-Küche laben.
Wer lieber seine historischen Kenntnisse vertieft, besucht das Museum «We Culture», das sich als erstes Erlebniszentrum für den karibischen Karneval versteht – inklusive Kostümvorführung. Selbst unter Wasser lebt das Fest: Der Skulpturenpark «Under SXM» führt Schnorchlern die traditionellen karnevalistischen Rituale vor Augen - so betrachtet man gemeinsam mit bunten Fischen verkleidete Figuren.
Die unter Wasser fehlende Beschallung liefert an Land die «Night of the Hitmakers» nach. Auf dem Menü stehen Soca, Reggaeton und Dub. Diesmal ohne Kostüme, doch abermals mit dichten Rauchschwaden vom Grill und frisch aufgefüllten Bars.
Links, Tipps, Praktisches:
Reiseziel: Sint Maarten ist dank des ausgeglichen-tropischen Klimas ein Ganzjahresreiseziel. Die Höchsttemperaturen liegen zwischen 27 und 29 Grad, nachts kühlt es selten auf weniger als 23 Grad ab. Die Hurrikan-Saison dauert von Juli bis Oktober; die Preise sind dann günstiger, weil viele Urlauber die Insel meiden.
Karneval: Der Karneval erstreckt sich 2026 vom 10. April bis zum 5. Mai mit der Grand Parade am 30. April und der «Night of the Hitmakers» (2. Mai) als Höhepunkten.
Anreise: Der Princess Juliana International Airport (SXM) wird von Europa aus nonstop von KLM ab Amsterdam und Air France ab Paris bedient. Die Flugzeit beträgt zehn Stunden. Vor Ort ist ein Mietwagen hilfreich.
Weitere Informationen: visitstmaarten.com; st-martin.org; sxm-carnival.com;
weculturesxm.com; undersxm.com











