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Flugreisen: Verunreinigte Luft

Flugreisen: Verunreinigte Luft

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FLUGREISEN Giftiger Rauch in der Kabine

Derzeit geistert es wieder durch die Medien, das »aerotoxische Syndrom«. Ursache: verunreinigte Luft, die über die Klimaanlage ins Flugzeuginnere gelangt. Airlines und zahlreiche Studien wiegeln ab, Piloten, Kabinenbesatzungen und andere Mediziner dagegen warnen vor Langzeitfolgen. REISE & PREISE sagt Ihnen, was das für Passagiere bedeutet.

Hintergrund der immer wieder auflodernden Aufregung: Moderne Passagierflugzeuge gewinnen die Luft für die Kabine über die Turbinen. Dort wird ein Teil der verdichteten Luft abgezapft und durch Leitungen über die Klimaanlage ins Cockpit und zu den Fluggästen geleitet. Das Problem: Gelegentlich treten an den Triebwerken kleine Undichtigkeiten auf, durch die Schmieröl austritt, das verbrennt. Partikel können so ins Innere der Maschine gelangen. Dort tritt dann riechender oder stinkender Rauch auf, ein so genanntes »fume event«.

Auch das wäre an sich kein Problem, würde dem Öl nicht ein Additiv zugesetzt, das Tricresylphosphat (TCP). TCP sorgt dafür, dass die Triebwerke reibungslos arbeiten. Dabei handelt es sich um eine Gruppe chemischer Verbindungen, von denen wiederum eine als neurotoxisch gilt, also als Nervengift. Beim Aufnehmen über die Haut oder die Atmung können unter anderem Lähmungserscheinungen, Schleimhautreizungen, Atemnot und andere Symptome auftreten. Seit 1999 werden diese Symptome nach einem »fume event« als »aerotoxisches Syndrom« bezeichnet.

Und was sagen die Airlines? »Bei Air Berlin wurde bisher kein Fall festgestellt«, heißt es bei der deutschen Nummer 2. Und der Marktführer teilt mit, es sei »beim Medizinischen Dienst von Lufthansa in den vergangenen rund vier Jahren kein einziger Fall dokumentiert, bei dem ein Mitarbeiter neurologische Symptome beschrieben hätte, die auf eine möglicherweise kontaminierte Kabinenluft zurückzuführen wären«. Michael Bagshaw, Pilot und Flugmediziner aus Großbritannien, meint gar, dass viele der beschriebenen Symptome häufig auch bei gesunden Menschen aufträten, lässt mithin anklingen, dass sie womöglich gar keine Folge einer Vergiftung im Flugzeug, sondern zum Beispiel auf Stress zurückzuführen seien.

Aus dem Luftfahrt-Bundesamt (LBA) heißt es, im Jahr 2009 habe man 15 Störungsmeldungen zum Thema »kontaminierte Kabinenluft« erhalten, wobei letztlich die europäische Aufsichtsbehörde EASA (European Aviation Safety Agency) für die Zulassung der Triebwerke zuständig sei. Die EASA teilt mit, dass »die Faktenlage sehr undurchsichtig ist«. Nun haben die Kölner Fragebögen verschickt und Kommentare eingesammelt; 2011 soll dann entschieden werden, ob einheitliche Vorgaben erlassen werden, mit denen verbrennendes Öl von vornherein verhindert wird.


Verunreinigte Luft

FLUGREISEN: Giftiger Rauch in der Kabine

Störungsmeldungen: Kontaminierte Kabinenluft

Und wie oft kommt es zu einem »fume event«? Nach verschiedenen Schätzungen bei einem von 2000 Flügen, der Luftverkehrsaufsicht CAA in London wurden 2008 97 Vorfälle gemeldet (auf insgesamt 1,2 Millionen Flügen). Zudem weist das britische Department for Transport darauf hin, dass »manchmal ein Pilot schlechten Geruch feststellt und der andere nichts merkt«. Und Luftfahrtexperte Michael Bagshaw sagt: »Die Tatsache, dass eine möglicherweise gefährliche Substanz gerochen werden kann, bedeutet noch nicht, dass sie so hoch konzentriert ist, um auch Gesundheitsschäden zu verursachen.«

Erstaunlich ist, dass die Zahl der gemeldeten Vorfälle erst seit etwa zehn Jahren steigt. Dabei wäre eigentlich das Gegenteil zu erwarten - immerhin ist seit den 50er-Jahren der TCP-Anteil am Öl deutlich gesenkt worden, die Motoren sind besser abgedichtet. Es stehen sich offensichtlich zwei Interessengruppen gegenüber, und Parallelen zum »Mythos Schleudertrauma« drängen sich auf - es ist etwas dran, aber wie viel, lässt sich objektiv kaum beurteilen. Die Bundesregierung jedenfalls stellte vor Jahresfrist in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage fest: »Erkenntnisse über eine grundsätzliche Gefährdung von Flugpersonal und Passagieren durch kontaminierte Kabinenluft liegen der Bundesregierung nicht vor.«

Fest steht dagegen, dass manche Flugzeugtypen besonders betroffen waren, etwa die Boeing 757 und der Avro RJ. Dort wurde nachgebessert. Doch erst mit der neuen Boeing 787, die in ein paar Jahren ausgeliefert wird, gehören »fume events« der Vergangenheit an: Der »Dreamliner« saugt Frischluft über Ventile von außen an.

Fluggäste sollten jedenfalls Ruhe bewahren, auch wenn es mal im Flugzeug raucht oder riecht. Häufig hat das nämlich triviale Ursachen, etwa die zu lange getoasteten Brötchen für die Cockpit-Besatzung oder kondensierende Luft aus der Klimaanlage. Bestimmte Aromen allerdings weisen laut dem Pilotenverband Vereinigung Cockpit auf verbranntes Öl hin, darunter Banane, heißes Öl, schmutzige Socken und Knetmasse. Treten solche Gerüche auf, sollte die Crew informiert werden. Bei gesundheitlichen Beschwerden nach einem »fume event« kann nur ein Arzt mit Hilfe eines großen Blutbildes feststellen, ob für die Probleme die Öldämpfe ursächlich waren.

Die Urlaubsreise sollte man sich jedoch nicht vermiesen lassen - es gibt ungleich gefährlichere Arten, ans Urlaubsziel zu gelangen.

(August 2010, Marc Reisner)

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