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Die schicke Strandvilla auf der einsamen Insel bietet einfach weniger gefährlichen Kontakt

Die schicke Strandvilla auf der einsamen Insel bietet einfach weniger gefährlichen Kontakt

Reisetrends mit Corona Leere Mittelsitze und Urlaub in der Wüste

Wohin werden wir reisen, wenn es wieder möglich ist? Und wann? Ein vorsichtiger Blick in die Kristallkugel.

Was vor acht Wochen noch undenkbar schien, ist eingetreten: Die Welt steht still. Kein Flieger fliegt mehr, weltweit haben die Hotels geschlossen, sind die Strände und Sehenswürdigkeiten gesperrt. Mittlerweile ist auch klar: Ein "nach Corona" wird es so schnell nicht geben. Trotzdem werden wir demnächst wieder reisen, dann eben "mit Corona". Doch wohin? Und wie? Darüber machen sich gerade viele Menschen Gedanken. Meistens kommt es zwar anders. Hier sind trotzdem einige Wahrscheinlichkeiten, wie die Reisewelt "mit Corona" aussehen könnte.

Wollen wir noch reisen?

Zunächst einmal: Auch wenn es sich noch so viele wünschen, wird sich kein Schalter von "nicht reisen" auf "reisen" umlegen. Diese Krise verzieht sich nicht wie ein Unwetter. Es wäre unseriös zu erwarten, dass wir morgen wieder in Urlaub fahren wie früher. Aber ebenso werden wir nicht jahrelang darauf verzichten. Denn Reisen ist ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Der Wunsch nach Reisefreiheit war eine der Triebfedern, die vor 30 Jahren die DDR wegfegte.

Damit ist auch die Frage beantwortet, die so manchen umtreibt: Wollen wir überhaupt noch reisen? "Unbedingt", meint nicht nur Tourismusforscher Horst Opaschowski. Reisen gehört schließlich zum Menschen. Reisen ist Glück. Reisen ist Inspiration. Reisen ist Bereicherung. Und für nicht wenige Menschen ist es das Ausbrechen aus dem immergleichen Alltagstrott.

Deutschland - oder doch nicht?

Wohin wird es zuerst gehen? Zunächst erwarten viele Fachleute einen Boom des Auto- und Nahtourismus. Verständlich: Wenn man sich wieder vorsichtig aus seinem Schneckenhaus hervor trauen kann, dann will man das in kleinen Schritten tun. Und nah dran bleiben an seinem Zuhause, wo man sich auskennt. Hat nicht der österreichische Bundeskanzler bereits für "Mitte Mai" die Öffnung der ersten Hotels in Aussicht gestellt?

Klingt gut. Allerdings nicht mehr ganz so gut, wenn nach der Rückkehr nach Deutschland zwei Wochen Quarantäne drohen. Das spräche für Urlaub ohne Grenzübertritt. In Deutschland ist allerdings nicht alles automatisch besser. Schranken vor Mecklenburgs Stränden beweisen es genauso wie verbarrikadierte Parkplätze am Tegernsee. Neben den eigenen Reisewünschen wird es wohl auch um Akzeptanz am Reiseziel gehen. Spaniens Tourismusministerin hat schon mal klargestellt, dass ankommende Gäste "kein erhöhtes Infektionsrisiko" bedeuten dürfen. Und ihr türkischer Kollege will nur noch Gäste mit Gesundheitszeugnis empfangen.

Veranstalter immer im Vorteil

Es wird also nicht reichen, dass die Politik den Vorhang hochzieht und die Hotels wieder aufsperren. Der Mensch will schließlich im Urlaub etwas tun. Wandern, sporteln, etwas erleben. Das Hotel braucht Proviant und Personal. Urlaub heute, das ist eine Vielzahl von abgestimmten Prozessen. Das lässt darauf schließen, dass die Big Player ihre Hand im Spiel haben werden. Sie schaffen es, komplette Reiseabläufe zu realisieren und dem Urlauber einen sicheren Ablauf zu gewährleisten.

Dazu kommt, dass nicht nur die Urlauber kreativ sein werden, um wieder ihrer Reiselust zu frönen, sondern auch die Reisebranche. Den TUIs und FTIs dieser Welt gehören viel zu viele Ferienanlagen, Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe, als dass sie nicht mit aller Finesse versuchen dürften, diese wieder zu füllen - und sei es nur mit der Hälfte der Gäste und mit Mindestabständen zur nächsten Urlauberfamilie.

Die Veranstalter sind auch der Schlüssel für ferne Urlaubsziele, die sich als "coronafrei" andienen, für Fluggesellschaften, deren Flotte am Boden steht, und für Hoteliers, die ohne Tourismus nicht überleben können. Es wundert nicht, dass mitten in der Krise der reichste ägyptische Hotelier, Samih Sawiris, Europas viertgrößten Reiseveranstalter FTI gekauft hat. Der soll ihm nun baldmöglichst die Hotels füllen. Wir werden noch weitere solche Deals sehen.

Kreuzfahrtschiffe zu Apartments

An der besonders gebeutelten Kreuzfahrtbranche wird ein weiteres Problem deutlich: Die Reedereien haben nicht nur Hunderte von Schiffen zu füllen, sondern es wurden in Erwartung des immerwährenden Booms auch für die nächsten Jahre Jahr Dutzende weiterer Spaßtanker bestellt. Die sind bereits im Bau und werden deshalb auch auf den Markt kommen.

Kein Wunder, dass bereits nach anderen Verwendungsformen gesucht wird: Schiffe könnten in teuren Städten wie London oder New York als schwimmende Hotels oder gleich als Apartmentanlagen andocken. Manche Brancheninsider sehen bereits "Cruises to nowhere" als Zukunft der Kreuzfahrt - also Kreuzfahrten, die nur noch aus Seetagen bestehen und bei denen nirgendwo mehr angelegt wird.

Kreative Lösungen

Aber werden die Verbraucher zu finden sein, die sich sofort wieder in die Enge eines Vergnügungsschiffs oder von Vier-Sterne-All-Inclusive begeben, sobald dies möglich ist? Die Erfahrung aus bisherigen Krisen sagt: jein. Was nur billig genug angeboten wird, lässt sich last-minute auch verkaufen. Aber das allein wird nicht reichen. Denn die Familien und die Senioren brauchen lange, bis sie wieder Vertrauen schöpfen.

Deshalb wird es auch neue und kreative Lösungen geben. Rund ums Mittelmeer entstehen neue Hygienekonzepte, werden Strandbäder neu nach dem jeweils gültigen Sicherheitsabstand vermessen; All-inclusive-Anbieter kalkulieren bereits Angebote mit reserviertem Bali-Bett am Pool. An der italienischen Adria baut man schon Plexiglasboxen um die Liegestühle. Trend wird vermutlich auch serviertes Essen werden statt dreimal täglich Buffet. Und mehr Platz im Flieger und Reisebus, z.B. eine Reihe pro Familie, sowie Mittelsitze, die nicht verkauft werden. Ganz entscheidend dürften auch sehr großzügige Stornoregeln werden. Gebucht wird nur noch, wo man bis kurz vor knapp kostenlos zurücktreten kann.

Luxus läuft immer

Social Distancing kostet Geld. Insofern steht zu erwarten, dass exklusive und luxuriöse Angebote vorn dran sind. Die schicke Strandvilla auf der einsamen Insel und der distanzierte Flug in der edlen Business-Class bieten einfach weniger gefährlichen Kontakt. Schon jetzt akquirieren erste Luxusanbieter in Fernost Personal, das die Infektion bereits hinter sich hat und deshalb - hoffentlich - immun ist.

Runter mit den Preisen

Wird das Reisen generell teurer? Viele Reiseprofis wie Franz Josef Tenhagen glauben das. "Flugtickets für 19,90 Euro wird es vermutlich nicht mehr geben", sagt der Finanztip-Herausgeber. Denn diejenigen, die bisher solche Billigreisen angeboten haben, werden seiner Meinung nach die Krise wirtschaftlich nicht überstehen. Zumindest momentan sieht es freilich anders aus. Flug- und Urlaubspreise für Sommer und Herbst sind im Keller; Flug und Viersternehotel nach Gran Canaria gibt es momentan unter 400 Euro, nach Brasilien fliegt man diesen Sommer für weniger als 500 Euro.

Da kann man nur wünschen, dass die Reisewelt aus den Fehlern der Vergangenheit lernt. Und Dinge anpackt, die in voller Fahrt nicht so leicht zu regeln wären, wie etwa Over Tourism, Klimakiller-Touren und obszöne Billigflüge. Silvio Brusaferro, Italiens oberster Virenjäger, hat die Losung vorgegeben: "Wir werden andere Wege finden müssen, um die Dinge zu tun, die wir gern tun." Das gilt nicht nur, aber auch fürs Reisen.

(24.04.2020, srt)