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ATACAMA-WÜSTE

Geysire, Salzseen und Lamas

Kein Grashalm, kein Strauch - so weit das Auge reicht.

In der gleißend heißen Sonne knistern und knirschen riesige Salzplatten. Bizarre Salzskulpturen säumen die schmalen Pfade. Land und Himmel scheinen am Horizont zu einer schmalen, schier unendlichen Linie zu verschmelzen. Dazwischen funkeln die schneebedeckten Gipfel der unzähligen Vulkane, die diesen Teil der Anden prägen, die Atacama-Wüste.

Während die Sonne langsam hinter den mächtigen Bergen versinkt, entwickelt sich fernab jeglicher Vegetation ein grandioses Spiel der Farben. Türkisblau funkelt das Wasser der Laguna de Chaxa im Osten der Atacama-Wüste. Die Höhenzüge der Anden werden in eine Mischung aus Rot und Grau getaucht, während eine riesige Schar von Flamingos jede Minute bis zum Sonnenuntergang nutzt, um in dem 5000 Hektar großen und extrem flachen Salzwasserpool zu gründeln. Fast scheint es, als würden sich die Stelzvögel mit dem rosafarbenen Gefieder hier im Norden Chiles von Geröll und Salzklumpen ernähren. Tatsächlich jedoch filtern die Vögel die wenigen vorhandenen Mikroorganismen aus der extrem salzhaltigen Lagune, die Teil des Salar de Atacama ist, des drittgrößten Salzsees der Welt (nach dem Salar de Uyuni in Bolivien und dem großen Salt Lake im US-amerikanischen Utah).

Dabei bilden die Lagune und die bis zu 2000 Flamingos, die sich hier ganzjährig tummeln, beileibe nicht die einzigen Naturphänomene in der Atacama-Wüste. Mit ihrer Lage auf gut 2500 Metern Höhe, umrahmt von den bis zu fast 7000 Meter aufragenden Gipfeln der Anden, gilt Atacama als die trockenste Wüste der Welt. Nur etwas Schnee gibt es hier, allerdings nur auf den Gipfeln der Berge und Vulkankegel, deren prächtigster der fast überall sichtbare Licancabur ist. Der 5916 Meter hohe Vulkan ist nicht mehr aktiv.

Wagemutige können sich auf einer 120 Meter hohen Düne im nahe gelegenen Death Valley im Sandboarden üben. Vor die Schussfahrt auf sandigem Boden haben die Götter allerdings den Schweiß gestellt, denn es gilt, mit dem Sandboard unter dem Arm durch den tiefen Sand die Düne hinauf zu klettern. Kaum minder faszinierend ist der Besuch des Valle de la Luna. Sanddünen, Geröllfelder, tiefe Krater, bizarre Gesteinsformationen wie die Tres Marias, die optisch an drei Frauen erinnern und durch Wind, Regen und Sedimentablagerungen im Laufe der Jahrtausende geformt wurden, bestimmen das Bild im »Tal des Mondes«. Eine Landschaft, die ideal gewesen wäre, um die Landung der Amerikaner auf dem Mond zu simulieren - so unwirtlich, so trocken, so bizarr. Das Salz in den Steinbrocken funkelt und knackt im Sonnenschein. Die dabei entstehenden Geräusche klingen wie ein Auto, bei dem erst vor wenigen Augenblicken der Motor abgestellt wurde und bei dem das Blech zu arbeiten scheint.

Bis in die 1950er-Jahre war Salz hier das wichtigste Tauschmittel. Auf dem Rücken von Lamas oder Eseln wurde das Weiße Gold aus dem Valle de la Luna von den Atacamenos, wie das Volk der chilenischen Wüste heißt, über die Anden nach Bolivien oder Argentinien gebracht, um im Gegenzug Mais und Fleisch zu erhalten. Das touristische Herzstück der Wüste ist die Oasenstadt San Pedro de Atacama. Die 2000-Seelen-Gemeinde hat ungeachtet der Touristenströme vieles von seinem ursprünglichen Charme bewahren können. Die Straßen sind hier nicht asphaltiert, sondern einfache Erdpisten, auf denen die Autos riesige Staubwolken aufwirbeln. Alle Häuser sind mit Lehm und Ton verkleidet oder weiß getüncht. Der zentrale Platz im Herzen der Stadt wird von einer kleinen Markthalle und der örtlichen Kirche gesäumt, deren ältesten Teile aus den 1640er-Jahren stammen. Entlang der Hauptstraße Caracoles befinden sich Souvenirshops, Restaurants und Cafés. Nachts heulen in San Pedro nicht die Kojoten, sondern die vielen Straßenhunde den Mond an. Kristallklare Nächte zaubern Millionen von Sternen ans Himmelsfirmament, die Milchstraße ist so deutlich wie an kaum einem anderen Platz auf der Erde zu sehen. Ein wahrer Sternschnuppen-Regen führt dazu, dass die Himmelsgucker kaum mit ihren Wünschen nachkommen.

Ein Muss für alle Besucher der Atacama-Wüste ist ein Abstecher zu den größten Geysirfeldern der südlichen Halbkugel am El Tatio. Diese liegen auf gut 4500 Metern über dem Meeresspiegel. Zum Vergleich: Das Matterhorn ist 4478 Meter hoch, die Zugspitze misst gerade 2962 Meter. Nicht nur die ungewohnt dünne Höhenluft macht den Besuchern hier zu schaffen, sondern auch die eisigen Temperaturen. Denn die Geysire sind nur in den frühen Morgenstunden aktiv. Dann herrschen auf dem Hochplateau nicht selten Temperaturen um -20 Grad Celsius. Schon von weitem sind die riesigen Dampfwolken im Halbdunkel zu sehen. Aus rund 70 Fumarolen dampft und spuckt es gleichzeitig. Wasserdampf wird bis zu 15, 20 Meter hoch in die bitterkalte Luft katapultiert. 40 Geysire und 60 heiße Quellen bringen das Wasser bei Temperaturen von rund 85 Grad Celsius fast zum Kochen. In Sekundenschnelle bilden sich kleine Pools mit siedend heißem Wasser vor dem herrlichen Panorama schneebedeckter Anden-Spitzen. Doch kaum ist die Sonne über den Anden aufgegangen, verschwinden die gigantischen Dampfsäulen in Minutenschnelle. Wo eben noch bei zweistelligen Minusgraden um die Wette gezittert und geschnattert wurde, steigen die Temperaturen nun sprunghaft an.

Nun zeigen die Geysire ein ganz anderes Gesicht. Der Blick auf die weiß-grün-roten Erdlöcher erinnert fast unweigerlich an eine Mondlandschaft. Jedes Loch hat unterschiedliche Farben und Formen. Und schon sind der fehlende Schlaf und die Kälte vergessen, schließlich warten tagsüber in und um San Pedro de Atacama, wieder 30 Grad Celsius und mehr.

(srt, Karsten-Thilo Raab, September 2010)

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