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RIO DE JANEIRO

Die etwas andere Stadtführung

Die bunten Hütten von Rocinha.

Seit dem Film »City of God« kennt die Welt die Favelas, Rios Armenviertel mit Gewalt und Kriminalität. Auf Stadtführungen versuchen Bewohner, das negative Bild zu korrigieren.

Sie gehören zu Rio de Janeiro wie der Zuckerhut, die Copacabana und die Christus-Erlöser-Statue hoch oben auf dem Corcovado-Berg: die Favelas. Hunderte dieser Armensiedlungen gibt es in Rio. Sie stehen im Ruf, Horte der Gewalt und Heimat der Drogenbosse zu sein, und das ist auch ein Teil der Wahrheit. Aber eben nur ein Teil. Wem Klischees nicht reichen, wer mehr erfahren will über Favelas, Rio und vielleicht über Brasilien, der sollte nicht nur Rios Glitzerviertel Ipanema und Leblon besuchen, sondern auch Rocinha, die vermutlich größte Favela Südamerikas. »Willkommen in meinem Zuhause«, sagt Carlos, als der Touristenbus in Rocinha einfährt. Die Fahrt geht bergauf und durch enge Kurven. Immer wieder rumst das Fahrzeug in tiefe Schlaglöcher. Carlos wurde in Rocinha geboren und wohnt hier immer noch mit seinen Kindern. Er lebt gerne in Rocinha. »Ich will Mythen zerstören«, sagt der 46-Jährige.

Erster Halt: »Estrada da Gávea«. Ein Blick hinunter ins satte dichte Grün, zu den Resten des Atlantischen Regenwaldes. Dahinter schimmert azurblau der Atlantik. Rocinha ist berühmt für seinen atemberaubenden Ausblick, immerhin. »Keine Leute fotografieren«, ist eine der wenigen Regeln auf der Tour. »Amigos dos Amigos« heißt die Drogengang, die in Rocinha das Sagen hat, und die Freunde schätzen es nicht, abgelichtet zu werden. Die Einwohnerzahl der »kleinen Farm«, wie Rocinha übersetzt heißt, ist ungewiss. Offizielle Schätzungen reichen bis 100 000 Menschen, die Bewohner selbst sprechen von 160 000. Es gibt zahllose Läden, Verkaufsstände, Bars, mehrere Buslinien und sogar drei Banken. »Die einzige Banken, die nicht überfallen werden«, scherzt Carlos.

»Rocinha. Bem vindo« steht auf einem Schild, willkommen in Rocinha. Die Favela ist ein schmutziges Meer aus Häusern, wie erkaltete Lavaströme kleben sie am Berghang. Überall braune, unverputzte Backsteinmauern. Abertausende Wellblechdächer mit dicken, blauen Wasserbottichen aus Plastik darauf. Ein Labyrinth aus Treppen, Gassen und Schleichwegen. Jeder Fremde wäre verloren hier. Früher waren alle Häuser als Holz. Steinbauten lohnten nicht, dachten sich die Bewohner, denn regelmäßig kamen Sondertrupps, um die Ghettos niederzureißen. Erst Mitte der 1980er Jahre gab es Bestandssicherung, die Bewohner fingen an zu mauern. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, der noch bis 1. Januar 2011 im Amt bleibt, war kürzlich in der Vorzeige-Favela Dona Marta, wo er selbst ein Besuchsprogramm für Touristen ankündigte. Die Welt soll sehen, dass Rio, Ausrichter der Olympischen Spiele 2016, sicher ist. Das ist Lulas Botschaft.

Doch Favelas wie Vila Cruzeiro sind weiter fest in der Hand der Drogengangs. Polizeitrupps trauen sich nur mit schwerem Gerät hinein. In Cruzeiro wie in Rocinha gibt es zu viele Waffen und zu viele Menschen, die zu wenig zu verlieren haben. Bei einem kurzem Spaziergang über die belebte Straße »Caminho do Boiadeiro« in Rocinha knattert ein junger Mann mit seinem Motorrad durch die Menge. Von der Schulter baumelt lässig ein Schnellfeuergewehr. Ein Bild, bei dem sich kein Bewohner umdreht, nur der Touristengruppe fällt es auf. Beschaulich geht es dagegen in der Favela Canoas ganz in der Nähe zu, wo die dreistündige Tour endet. Noch einmal geht es auf Tuchfühlung, hinab über Stufen in die Katakomben der Favela. Kleine, enge Gänge führen durch das Labyrinth, kein Sonnenstrahl dringt hier durch. Dort eine Kneipe, hier ein winziger Friseurladen. Kindergeschrei dröhnt aus einer Wohnung, in der nächsten plärrt ein Fernseher. Platzangst darf man nicht haben in der Favela. Die Tour klingt aus in einer Stehkneipe bei Caipirinha. Und dann geht es zurück in die »Cidade Maravilhosa«, die »Wunderbare Stadt«, wie Rio genannt wird, und zu der die Favelas untrennbar gehören.

(Text/Foto: dpa, Dez. 2010)

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